"Alles, wirklich alles spricht dagegen, dass ich zu sprechen beginne. Denn die Welt und das, was sich in ihr befindet, wendet sich gegen mich, seitdem ich nicht mehr nur dabei zusehen will, wie alles, was ich einst war und immer noch bin, weniger wird. Sich auflöst und zersetzt.   

Aber alles läuft falsch, verrückt sich, wird brüchig und bekommt Risse, sobald ich einen Ausdruck und eine Form finden will für das, was sich wirklich auf meiner inneren Landkarte befindet und sich in unendlichen Wiederholungsschleifen in meinen Gedanken artikuliert.  

Und dieses Ereignis, dieses Zersetzen von Welt, tritt unabhängig davon ein, an welchem Ort ich damit beginnen will. Ob hier, in der Schrift, oder draußen, im wirklichen Leben. Immer und überall zerfasert das, was ich in Worte zu fassen versuche, in so winzige Bruchstücke, dass sich alles nur noch entzieht und vor meinen Augen verschwimmt. So flüssig und fließend wird, dass ich nicht mehr in der Lage bin, die Gedanken, Eindrücke und Empfindungen in eine feste Form zu gießen. 

Wenn ich in der Welt der Schrift darüber sprechen will, wo alles Zeichen, Verweis auf etwas anderes ist, beginnen die Worte zu flirren, sobald ich sie durch das Hinunterdrücken der schwarzen Tasten meines Laptops auf das digitale Papier ziehen will. Und wenn ich darüber in der Realität sprechen möchte, in der sich auch mein Körper und nicht nur mein Bewusstsein befindet, wenn ich meine Lippen und Zunge in verschiedene Formen bringen und die eingeatmete Luft mit unterschiedlicher Intensität zwischen meinen Zähnen hervorpresse, weil ich davon erzählen will, wie es sich damals anfühlte, ich zu sein, mit all dem, was war, dann bleiben mir die Worte im Hals stecken, wo sie sich verdichten und zu einem immer größeren Geschwür heranwachsen. Mir das Atmen zunehmend erschweren.  

Alles spricht dagegen, dass ich zu sprechen beginne. Aber wenn ich die in meiner Familie wirkende Macht verstehen und aus dem Schatten herauslösen und in das Taghelle hineinschieben will. Wenn ich ergründen und verstehen will, was mit mir geschehen ist und immer noch geschieht, dann muss ich das, was meine  Welt gewesen ist, abtasten und für all das Worte finden. Aus einem w, aus einem e, aus einem l, aus einem t Textflächen von Welt erschaffen. Tief hinabtauchen zu Orten, an denen ich bisher noch nicht gewesen bin." 


"Seitdem Claire neun Jahre alt ist, fordert sie das Schicksal heraus. Wenn sie zum Beispiel den Gehweg entlanggeht, darf sie nicht einfach einen Fuß vor den anderen setzen, wie es wahrscheinlich die meisten tun, sondern erlaubt sich nur, auf die Pflastersteine selbst zu treten. Wenn sie nicht achtgibt und ihr Fuß doch eine Ritze zwischen den Steinen berührt, dann, so die Regel, ist sie mit schuld, wenn es ihrer Schwester wieder schlechter geht. Wenn sie damals, Minou und sie waren noch klein, auf dem Schulweg bis zum Schultor keine einzige Spalte zwischen den Steinen berührte, dann würde ihre Schwester alt werden. Sehr alt. So alt wie die anderen Menschen, denn dass sie besonders früh sterben könnte, verstand sie schon früh. Zu früh! 

Auch heute noch begehrt sie mit ihrem selbsterdachten Schicksalsspiel gegen den Lauf der Dinge auf. Wenn sie zur Haustür hineingeht und die Tür hinter ihr ins Schloss fällt, bevor sie den ersten Treppenabsatz erreicht, wird Minou nicht mehr lange leben. Wenn sie aber am zweiten Treppenabsatz angelangt, bevor sich die Tür mit einem lauten Geräusch schließt, werden sie gleichalt werden. Und wenn sie an einem roten Auto vorbeikommt, muss sie von dem Augenblick an, in dem sie es sieht, bis sie an ihm vorbeigelaufen ist, die Luft anhalten. Schafft sie es nicht, weil beispielsweise die Entfernung zwischen dem Moment, in dem sie das Auto erblickt, und dem, in dem ich sie es erreicht, zu groß ist, darf sie am kommenden Morgen keinen Kaffee trinken, auch wenn sie noch so große Lust darauf hat und sich ihre Kopfschmerzen langsam in ein schmerzliches Stechen verwandeln. Wenn sie an einer Häuserwand aus Backstein vorbeigeht, muss sie zählen, wie viele Steine man nebeneinander verlegt hat, während sie mit dem Zeigefinger über die Wand streicht. Und wenn sie sich verzählt, ist sie schuld daran, wenn ihre Schwester Fieber bekommt. Und immer, wenn diese im Krankenhaus ist und in einem fremden Bett mit einem Infusionsständer neben sich schlafen muss, ist es ihre Schuld, weil es ihr wieder nicht gelungen war, durch das Essen von Bananen, die sie verabscheut, das Fieber von ihr fernzuhalten."


"Sie sieht einer Möwe dabei zu, wie sie einen weißen Schnitt in den Himmel hineintreibt. Dort, wo sie lebt, gibt es eine solche Weite nicht, in die man sich hineinlehnen kann, um sich anschließend in ihr auszubreiten. Dort, wo alles Asphalt, Enge zwischen Häuserwänden ist. Hier hingegen kann sie sich in sich selbst hineinfließen lassen, während sie auf das Meer hinausblickt, das sich immer wieder neu auseinanderfaltet. 

Claire schaut zu Minou hinüber, die in ihrem schwarzen Badeanzug neben ihr im Liegestuhl liegt; will sichergehen, dass es ihr gut geht, und es ist ihr bestimmender Blick, der ihr sagt, dass sie sich für heute keine Sorgen machen müssen. Sie sich in Sicherheit wiegen können."


"Auch wenn ich mich weder an Minous noch an mein eigenes zur-Welt-Kommen erinnern kann, will ich sie suchen: all die Bilder und Narrative, die mir aus jener Zeit vorhanden sind. Sie ausgraben wie einen halb im Schlamm versunkenen und von Muscheln bedeckten Stein, um sie in meinen Händen zu halten und sanft zu umschließen. Mit meinen Fingerkuppen ihren Einkerbungen nachspüren, ganz behutsam, die die Gezeiten in sie eingraviert haben. 

So oder so muss ich es ausprobieren; will herausfinden, welche Bruchstücke ich von Minous und meiner Geburt zusammentragen kann. Schon zu lange haben diese Erinnerungsfragmente eine allzu große Macht auf mich ausgeübt; zu sehr ziehen mich die Szenen und Bilder, die mich aus jener Zeit verfolgen, mit in eine Dunkelheit hinein, die bisweilen so unheimlich ist, dass alle Worte von mir abfallen. 

Auch wenn ich weiß, dass Erinnerungen für die Wahrheit wie Treibsand sind – bewegliche Fragmente, die die Gegenwart verdreht: Das, was ich von jener Zeit im Gedächtnis behalten habe, hat seine Spuren hinterlassen und wühlt mich immer noch so sehr auf, als würde ich das, was damals geschah, mit jeder Erinnerung erneut durchleben. Wieder das Neugeborene, das kleine Kind werden, das ich einst gewesen bin."


Auszüge aus Romanprojekt "Auf der Nachtseite des Lebens" 

 

"Es war das erste Mal, dass sie ihr Durchschreiten für jemand anderen öffnete, und dass es dann auch noch für ihn war, erschien ihr im Nachhinein gleichermaßen logisch wie sonderbar, da es ihr Ritual der Zuflucht, des inneren Rückzugs war.  [...]  Zwei Linien auf einer Brücke, die sich an einem anderen Ort treffen; nicht hier, nicht jetzt, sondern irgendwo jenseits, hinter dem, was ist, weil sie für das, was sie sich alles hätten sagen müssen, wollen, sollten, keine Wörter, keine Sprache finden." 

Auszüge aus Anthologie-Beitrag "Minou und das purpurne Licht", in "Risse und Welt", hrsg. von Kurt Drawert