Romandebüt "Die gesunde Schwester" (Edition8)
»In eindringlichen Bildern erzählt Jana Fuchs die Geschichte zweier Schwestern – geprägt von Krankheit und der Unmöglichkeit, sich aus alten Mustern zu befreien. Ein Buch über Nähe, die verbindet und trennt. Prägnant, poetisch, von leiser Wucht.«
Sigune Schnabel (Lyrikerin)
176 Seiten, gebunden, Fadenheftung, Lesebändchen, Fr. 24.–, EUR 24.–, ISBN 978-3-85990-598-6, auch als E-Book, erscheint im September 2026
Über das Buch
Der Roman erzählt die Geschichte zweier Schwestern, die eng mit einander verbunden sind, jedoch aufgrund der chronischen Erkrankung der jüngeren sehr unterschiedliche Voraussetzungen im Leben haben. Minou ist immer wieder auf ihre Körperlichkeit zurückgeworfen, Sophia bis in die Träume hinein von der permanenten Sorge um die Schwester getrieben. Sie ist hin- und hergerissen zwischen tiefer Zuneigung, Eifersucht, Schuldgefühlen und Wut, die bisweilen selbstzerstörerische Züge annimmt. Sie ordnet ihre eigenen Bedürfnisse dem Wohlbefinden ihrer Schwester unter und weiß, dass sie nicht die Aufmerksamkeit ihrer Eltern auf sich ziehen darf, da dies das Leben von Minou gefährden könnte. Ihrer Hilflosigkeit angesichts der Erkrankung ihrer Schwester begegnet Sophia bis ins Erwachsenenalter unter anderem mit magischem Denken – in der Hoffnung, so positiv auf Minous Gesundheit einwirken zu können. Bis irgendwann ihre psychosomatischen Beschwerden immer stärker werden. Als Sophia das Gebot der Nähe bricht und mit ihrem Mann Matteo ein Leben fernab von Schwester und Eltern beginnt, wird dieses durch die Omnipräsenz der Krankheit immer wieder auf die Probe gestellt. Sind Eigenständigkeit und Abgrenzung möglich, wenn ein Geschwisterteil chronisch krank und auf Hilfe angewiesen ist? Die gesunde Schwester zeigt, wie ein Familiengefüge durch eine chronische Erkrankung verformt wird, und fragt nach den Grenzen zwischen Krankheit und Gesundheit: Welche von den beiden Schwestern ist die gesunde und welche die kranke – und lässt sich dies wirklich so scharf voneinander abgrenzen?
Romanauszug
"Manchmal, wenn sich mein Blick ohne mein Wissen verdunkelte, legte mir jemand die Hand auf den Arm, blickte mir tief in die Augen oder sagte, was schlimmer war: Ich verstehe dich.
Entweder schaute ich sofort weg oder unterbrach ihn brüsk. Ich musste das Grauen allein durchschreiten; nur so behielt es seine Kraft.
Später würde ich einen ähnlichen Gedanken in Die Argonauten von Maggie Nelson finden: »Bevor wir uns kennenlernten, war ich mein Leben lang Wittgensteins Gedanken verpflichtet, das Unaussprechliche sei – unaussprechlich! – im Ausgesprochenen enthalten. Er kriegt weniger Sendezeit als das ehrfurchtsvollere wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen, doch es ist, finde ich, der bedeutendere Gedanke. Das ihm innewohnende Paradox ist auf ganz wörtliche Weise der Grund, warum ich schreibe, warum ich das Gefühl habe, ich kann weiterschreiben.
Warum? Weil er nicht die Angst belebt oder schürt, die man verspüren mag angesichts der Unmöglichkeit, etwas in Worte zu fassen, was sich den Worten entzieht. Er bestraft, was gesagt werden kann, nicht für das, was es der Definition nach nicht sein kann. Und er verherrlicht die Grenzen des Ausdrucksvermögens nicht durch einen gespielt zugeschnürten Hals: Was ich nicht alles sagen würde, wenn die Worte doch gut genug wären. Worte sind gut genug.«
Es gab da diesen einen Moment, in dem ich andere kennenlernte, die mich wirklich verstanden, da sie dasselbe wie ich durchlebten. Es war wie eine Erlösung für mich.
Meine Mutter hatte mir von einem Seminarwochenende in einem Hotel in der Nähe von Kassel erzählt. Keine Eltern oder andere Familienmitglieder seien dabei, sondern nur die gesunden Geschwister von jungen Erwachsenen, die an derselben Lungenerkrankung wie meine Schwester leiden.
Zuerst dachte ich, sie erlaube sich einen Scherz mit mir – ging es doch immer um meine Schwester und meine Eltern, wenn wir zu Seminaren oder Vorträgen fuhren. Ich erinnere mich an eine große Villa mit gigantischer Eingangshalle, in dem es Vorträge über die Erkrankung meiner Schwester gab, Lungenflügel in Großformat auf die Leinwand gebeamt, und wir Kinder im Garten spielten. Meine Eltern hatten ernste Gesichter aufgesetzt; ich spürte, wie wichtig es ihnen war – insbesondere der Austausch mit den anderen Erwachsenen."
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Copyright Porträt: Jana Kay Photography