Auszug aus Romanprojekt "alles, was möglich ist"

Erster Textauszug

"Künstliches Licht, Kälte wie in einer Leichenhalle. Ausgeblichene Kacheln an den Wänden – wie beim Metzger, aber ohne Blut. Die Liege mit den silbernen Halterungen, auf die sie ihre Beine legen soll, um gut an ihren Muttermund zu kommen, wie sie ihr sagen. Um ihn aufzudehnen und sie auszuschlachten, denkt sie. Sie will das Wort »Mutter« auslöschen; es zerfetzen. »MutterMund«. Sie schreit, doch im Außen bleibt sie stumm. 

Gleich würden sie die Fruchthöhle ohne Embryo aus ihr heraussaugen, dann das Gewebe irgendwo zwischenlagern, bevor der Zellhaufen unter die Erde kommt. Sammelbestattung = Massengrab = Krieg. 

Sie fängt an zu zittern. Der Anästhesist legt seine Hand auf ihren Arm. Sagt: Ruhig atmen. Sie müssen ganz ruhig atmen.
 

Sehr viel später – ein, zwei Jahre nach dem, was geschehen war –, würde sie einen wissenschaftlichen Bericht über psychische Vulnerabilität über die Lebensspanne hinweg lesen und sich in ihm wiederfinden. Ein neues Verständnis für das entwickeln, was hinter ihr lag: »Biografische Übergänge bergen über den gesamten ­­Lebensverlauf hinweg ein beachtliches Vulnerabilitätsrisiko. Sie sind Perioden des Umbruchs, gekennzeichnet durch das Aufgeben alter Rollen und der Auseinandersetzung mit neu zu definierenden Selbstbildern und einhergehenden Ansprüchen. Biografische Übergänge sind je nach auslösenden Faktoren mehr oder weniger vorhersehbar. So sind altersnormierte Übergänge wie etwa Pubertät, Menopause oder die Pensionierung gut antizipier- und planbar – im Gegensatz zu nicht-altersnormierten, individuellen Übergängen wie Unfällen, Erkrankungen und Trennungen, die weit weniger kontrollierbar und damit umso stressvoller erlebt werden. 

Stellt ein biografischer Übergang für die Betroffenen eine akute Extremerfahrung der psychophysischen Belastbarkeit dar, kann von einem kritischen Lebensereignis gesprochen werden. Zu den häufigsten und schwierigsten kritischen Lebensereignissen gehören der Verlust eines geliebten Menschen, sei es durch Tod, Trennung oder Scheidung, sowie schwere Erkrankungen – eigene oder geliebter Menschen. Mit zunehmendem Alter steigt die Auftretenswahrscheinlichkeit dieser Ereignisse und stellt für die Betroffenen ein erhebliches psychisches und soziales­­ Vulnerabilitätsrisiko dar. Aus der Forschung ist bekannt, dass in gewissen Lebensläufen nicht selten ganze Serien von widrigen biografischen Übergängen beobachtet werden können. Ähnlich wie in einem Dominospiel gerät aufgrund eines ersten negativen Übergangs der Lebenslauf »aus dem Takt«, wo sich dann ein negativer Übergang an den anderen reiht. Der Lebenslauf gerät aus dem Takt und lässt sich in der Folge nur schwer wieder einpendeln.«

 

Sophia wusste, dass ihr Leben aus dem Takt geraten war. Sie sich nicht mehr verorten konnte – immer auf der Suche –, nur hatte sie keine Idee, wie sie mit dem, was gewesen war, einem Umgang finden sollte. Jede Erinnerung ein Schnitt in die Haut, der eine nicht heilende Wunde hinterließ. 

 

Noch vor einem Jahr wäre es für sie undenkbar gewesen. Allein in einen Vorort zu ziehen, der für die meisten nur ein Schriftzug auf einem Autobahnschild ist. Eine halbe Stunde mit dem Fahrrad vom Stadtzentrum entfernt zu wohnen. Statt Cappuccino mit Farnblatt- oder Tulpenmuster schwachgebrühten Filterkaffee in einer kleinen Bäckerei zu trinken, serviert auf einem Kunststofftablett, dazu die obligatorische Papierserviette. Sich mit Jacke, der Durchzug, wenn jemand hereinkommt, auf eine Sitzbank mit orangefarbenem Kunststoffbezug zu setzen, die knarzt, wenn man sich bewegt, und nicht an einen kleinen Holztisch in einem minimalistisch eingerichteten Café.

Nimmt man die entsprechende Autobahnausfahrt, fährt man durch eine Gegend, die wie ausgestorben wirkt. Verfallene Häuser, heruntergelassene Rollläden, Graffiti an den Wänden. Seitenarme einer Stadt, die im Niemandsland münden würden, gäbe es die Autobahn nicht. Und dann, direkt am Rheinufer, neben der Zufahrtstraße zur Innenstadt, die grauen Betonmassen der Zementfabrik. 

Fährt man weiter, liegt, für den Autofahrer nur an seinen Rändern einsehbar, linke Hand den Berg hinauf, ein zwischen Flug- und Autobahnlärm eingekesseltes Wohngebiet. Mainz-Weisenau. 


Zweiter Textauszug

"Zuerst waren die Kartons dran, die sie mit schwarzem Filzstift wie folgt beschriftet hatte – je nachdem, in welches Zimmer sie gestellt werden sollten: »Bücher«, »Küche«, »Schlafzimmer«. 

Die mit den Büchern waren besonders schwer, auch wenn sie versucht hatte, sie nicht allzu voll zu packen. Bücher, die von nun an nur noch sie selbst aus dem Regal fischt, aufschlägt und darin liest, und die immer an dem Platz sein würden, an dem sie sie zurückließ. Die Ordnung, dachte sie, wird nur die ihre und nicht die eines anderen sein, auch wenn alles von dessen Abwesenheit durchdrungen sein wird.

Sie erwischte sich dabei, sich nach ihm zu sehnen – das Gefühl, wenn sie ihr Gesicht in seiner Schulter verbarg –, verbot es sich jedoch sofort wieder. Stark musst du sein, das weißt du doch! Wie sie es hasste.

Eine Stimme, die durch die offene Haustür ins Treppenhaus schallte. Ihr müsst den Transporter umparken. So kommt hier niemand mehr durch.

Das fängt ja gut an, rief sie Aglaia zu, die die Treppen hinunterlief und dem Mann mittleren Alters aus einem der benachbarten Häuser erklärte, dass er hier nicht so einen Aufstand machen solle. Empfängt man so etwa seine neuen Nachbarn?

Nachdem Aglaia den Transporter auf einem Parkplatz eine Straße weiter abgestellt hatte und sie fortfuhren, die Kartons nach oben zu tragen, sackte sie plötzlich wie eine eingedrückte Papiertüte zusammen. Stellte den Karton, den sie gerade dabei war, die Treppe hinaufzutragen, neben sich auf die Stufe, vergrub ihr Gesicht zwischen ihren Händen und fing an, zu beben.
 

Am nächsten Tag wachte sie auf und wusste nicht, wo sie war. Der Blick auf die Schräge, darin das Dachfenster, das ein Stück Himmel ausschnitt. Das Rauschen in der Ferne, das von der Autobahn kommen musste.

Nicht nur die Kontur des Klangs, auch die des Lichts hatte sich geändert. Ein Licht, das wie gefrorene Milch war, in der man einzelne Eiskristalle mit dem bloßen Auge ausmachen konnte, und das über die gegenüberliegende Schräge wanderte. Auch gab es niemanden mehr, dessen Stimme die Stille durchbrach und der sie aus den Träumen herausholte, in die sie sich eingesponnen hatte, und so dauerte es lange, bis sie sich in sich selbst sowie in dem zurechtfand, das sie umgab.

Sie stand auf – es musste schon spät sein, vielleicht zehn oder elf Uhr – und suchte in einem der Kartons nach Wollsocken, Hausschuhen und etwas Warmem zum Überziehen, und stieß auf Dinge, die sie nicht finden wollte: die Schlafmaske, die Ben ihr geschenkt hatte, damit sie schlafen konnte, wenn er mitten in der Nacht zu lesen begann. Das rote Tagebuch, das sie im Haus ihrer Großmutter gefunden hatte, als ihr Vater und sie dabei waren, die Schränke und Kommoden auszuräumen, das man abschließen konnte, und das sie zu füllen begonnen hatte, als sie aus dem Krankenhaus kam.

Nachdem sie ein Paar dicke Socken, eine Strickjacke und ihre Hausschuhe gefunden und sie sich angezogen hatte, ging sie in die Küche, wo sie erneut zu suchen begann. Dieses Mal nach dem Herdkännchen und dem Espressopulver.

Sie öffnete Kiste um Kiste, packte alles Mögliche aus dem Zeitungspapier – Gläser, Tassen, Teepackungen. Es dauerte bestimmt zehn, fünfzehn Minuten, bis sie zuerst die Packung Espresso, dann die Bialetti aus einem der Kartons herausfischte.

Sie setzte den Espresso auf und ging in das Zimmer, das das Wohnzimmer werden sollte. Übereinandergeschichtete Kartons, zerklüftete Landschaft, die durch das Gewicht der anderen schon leicht eingesackt waren. Und vor der Wand rechts neben der Tür der dunkelrote und abgewetzte Sessel, den sie von ihrem Großvater geerbt hatte, den nun eine tiefe Leere umgab.

War es richtig, zu gehen? Nicht mehr an dem festzuhalten, was war, weil zu viel zerbrochen war?

Als sie am Tag zuvor mit Aglaia losgefahren war, hatte sie im Rückspiegel gesehen, wie Ben in sich zusammengefallen war. Er sich zuerst die weißblonden Haare gerauft und sich dann an der Häuserwand abgestützt hatte. So wie sie ein, zwei Stunden später den Karton neben sich auf die Stufe stellen und sich setzen musste, weil sie etwas, das größer als sie war, nach unten gezogen hatte.

Sie ging zum linken der beiden Fenster und öffnete es. Lehnte sich über die Fensterbank nach draußen. Etwa eineinhalb Meter vor sich die Zweige des blätterlosen Kirschbaumes – nackt wie die Vorzeichnung eines Gemäldes, das niemals fertiggestellt werden würde. Gäbe es kein Gewebe der Erinnerung, das von den Zweigen herabhängenden Blättern erzählte, kleine Segel im Wind – man wäre verloren.

Ein Eichhörnchen sein. Mit einem Satz auf einen der nahegelegenen Äste springen. Sich im Blätterwerk verstecken – vor sich, vor Ben, vor dem, was hinter ihnen lag.

Ben, immer wieder Ben. Dabei war sie doch hier, um ihn zu vergessen. Sich von ihm abzuschneiden. Wieder ein eigener Mensch mit eigenen Grenzen zu werden. Und jetzt sitzt sie hier, in dieser Wohnung, die sich alles andere als nach ihr anfühlt, und sehnt sich danach, ihm dabei zuzusehen, wie er Farbe auf einen Pinsel aufträgt und sie mit seinem Zeichenblick ansieht.

Wie sie es vermisst, mit ihm die Zeichnungen durchzusehen. Neben ihm aufzuwachen und ihre Hand unter sein T-Shirt zu schieben. Auf seiner Lenkstange die Gaustraße hinunterzusausen, um auf dem Markt Gemüse und Käse für die Woche einzukaufen. Nebeneinander die Zähne zu putzen und einander mit Zahnpasta schäumenden Mund vom Tag zu erzählen. Am Wochenende nach dem Frühstück die orangenen Vorhänge wieder zuzuziehen und nochmal ins Bett zu gehen. Nackte Haut auf verwaschenen Laken."

Jana Fuchs

 

Im September 2026 erscheint in der Edition8 mein Romandebüt Die gesunde Schwester. Derzeit Übersetzung von Nostalgia del desastre von Constanza Michelson (Chile) anlässlich des chilenischen Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse 2027 für die Edition8, sowie Arbeit an Roman mit dem Arbeitstitel alles, was möglich ist. Dieser erzählt von Geländebegehungen, den Konsequenzen und Auswirkungen eines ungeteilten Kinderwunsches sowie dem Ende einer Liebe (siehe Textausschnitt oben).

Porträt: Jana Kay Photography